Autoreninterviews

Interview mit Jutta Wilke

Liebe Frau Wilke, lange Jahre haben Sie ihre Schreibarbeiten in den heimischen „Schubladen“ aufbewahrt. Was ist es für ein Gefühl, dass nun ihre ersten Bücher auf den Markt gekommen sind?

Das Gefühl ist unbeschreiblich. Es ist ein bisschen so, als ob man eingesperrten Tieren die Freiheit schenkt. All die Ideen, die ich jahrelang im Kopf und teilweise auch auf dem Papier hatte, dürfen jetzt endlich lebendig werden. Denn eins ist ja klar: Geschichten fangen erst an zu leben, wenn sie auch erzählt werden.

Wissen Sie noch, wo und wie Sie erfahren haben, dass Holundermond veröffentlicht werden soll?

Ich weiß nicht mehr das genaue Datum, aber es war auf jeden Fall im Januar 2010. Meine Agentin hatte das Manuskript im Oktober 2009 auf der Buchmesse Frankfurt verschiedenen Verlagen vorgestellt und gegen Ende des Jahres kamen die ersten interessierten Rückmeldungen. Im Januar 2010 stand dann fest, dass Holundermond im Coppenrath-Verlag eine Heimat gefunden hatte und wir haben dann auch sofort den Vertrag gemacht.

Haben Sie sich am Erscheinungstag in den nächsten Buchladen gestürzt um zu sehen, wie es dort präsentiert wird?

Zunächst mal hat sich das Erscheinungsdatum immer wieder verzögert. Das Buch sollte bereits Anfang Januar erscheinen, dann gab es technische Probleme bei der Herstellung und so musste ich ziemlich lange warten, bis es dann endlich Mitte Februar im Handel war. In der Wartezeit habe ich mich total zappelig täglich durch sämtliche Online-Händler geklickt.

Als es dann endlich erschienen war, habe ich via Weblog meine Leser und Freunde gebeten, mir Fotos zu schicken, sobald sie das Buch im Buchhandel entdecken. Das war schon eine spannende Sache, plötzlich zu sehen, dass das eigene Buch in vielen, vielen Buchhandlungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Regal steht. Und in „meinen“ Buchladen bin ich auch gegangen. Natürlich 😉

Ist eine Erscheinungstermin eines Buches genauso aufregend wie die Geburt eines Kindes, ist ja auch irgendwie ein Baby ?

Nein. Auch wenn ich die Erscheinung eines Buches oft mit einer Geburt vergleiche – es ist definitiv nicht das Gleiche.

Ein Kind zu bekommen ist ein ganz einmaliges Wunder, ein Akt der Schöpfung, ein ganz tiefer Moment der Verbundenheit mit dem, was wir Leben nennen, daran kann nichts anderes heranreichen.

Haben Sie sich Ihrer fünf Kinder wegen für das Genre Kinder- und Jugendliteratur entschieden oder gehört es auch zu Ihrem persönlichen Lieblingsgenre beim Lesen?

Ich lese schon immer sehr sehr gerne Kinder- und Jugendbücher. Dieses Genre war schon lange vor Harry Potter und auch vor meinen Kindern mein favorisiertes Genre. Heute profitieren meine Kinder davon, dass ich fast jede nennenswerte Neuerscheinung auf diesem Gebiet nach Hause schleppe.

Sie schreiben ja für verschiedene Altersklassen. Ist dies nicht schwer oder können sie das aus der Erfahrung mit ihren Kindern schöpfen?

Natürlich weiß ich durch meine unterschiedlich alten Kinder ganz gut, welche Themen dort zurzeit angesagt sind und auch, welche Sprache die Kinder sprechen. Noch wichtiger aber ist es meiner Meinung nach zu wissen, wie sieht es innen drin in einem Kind, wie in einem Teenager aus. Und dazu muss man keine eigenen Kinder haben, dazu muss man das Kind in sich selbst wiederfinden bzw. gut aufbewahrt haben. Wenn ich noch weiß, wie ich als Achtjährige gefühlt habe, dann kann ich auch für Achtjährige überzeugend schreiben.

Könnten Sie sich vorstellen, auch einen Roman für Erwachsene zu schreiben? Wenn ja, welches Genre würde Sie dann besonders reizen? Hätten Sie nicht mal Lust ein richtig schön blutiges Buch für Erwachsene zu schreiben?

Wenn ich für Erwachsene schreiben würde, dann entweder einen richtig finsteren Krimi oder eine sehr traurige Liebesgeschichte.

Aber im Moment reizt mich weder das eine noch das andere. Warum? Weil es den Kreis meiner Leser so einschränken würde.

Holundermond wird von 9 jährigen gelesen und von Teenies, von jungen Erwachsenen und von Menschen in meinem Alter.

Ein Geschichtenerzähler würde niemals Kinder und/oder alte Menschen aus dem Kreis seiner Zuhörer wegschicken. Ein guter Geschichtenerzähler erzählt seine Geschichten so, dass für jeden Zuhörer eine passende Ebene dabei ist. So möchte ich gerne lernen, meine Geschichten zu erzählen: Dass im Grunde jeder etwas für sich darin findet.

Was lesen Sie selbst gerne?

Kinder- und Jugendbücher. Die ohne pädagogischen Zeigefinger. Spannend müssen sie sein, einfach eine gute Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die mich gefangen nimmt und in eine andere Welt entführt, wobei das keine Fantasy-Welt sein muss, ich lasse mich auch gerne an ganz reale Schauplätze versetzen.

Woher nehmen Sie die Ideen zu Ihren Büchern?

Mitten aus dem Leben. Die Ideen sind ja überall. Ich muss sie eigentlich nur noch aufschreiben!

Wie sieht ihr Alltag mit 5 Kindern aus? Bleibt da noch genug Zeit für die eigenen Bedürfnisse?

Unser Alltag ist eigentlich ganz normal.

Meine Tochter (20) studiert inzwischen und ist nur noch am Wochenende zu Hause. Für die anderen klingelt 6.30 der Wecker, ich selbst trinke mit meinem Mann die erste Tasse Kaffee schon um 6.00 im Bett, um den Tag zu besprechen und ein paar Minuten zu zweit zu genießen.

Dann Frühstück, Schule, Kindergarten, Büro.

Ab ca. 7.30 Uhr bin ich alleine im Haus und gehe sofort an den Schreibtisch. Dort wird gearbeitet bis ungefähr 12.00 Uhr. Dann bereite ich Mittagessen vor und warte auf meine Jungs. Der Nachmittag gehört dann in der Regel den Kindern und leider auch dem Haushalt 😉

Wenn ich mitten im Buch stecke, schreibe ich am Abend weiter, sobald alle Kinder schlafen.

Es gibt Dinge, die ich nicht brauche, und die mir daher viel Zeit sparen. Dazu gehört das Fernsehen, vor dem ich quasi nie sitze.

Mein eigenes Bedürfnis ist zurzeit das Schreiben. Und das koste ich ja voll und ganz aus.

Wie und vor allem wann schaffen Sie es, um Himmels Willen, trotz fünf unmündiger Kinder so viele Bücher zu schreiben.

Siehe oben 🙂

Vor allem am Vormittag zwischen 7.30 und 12.00. Oft auch mal nachts.

Inspirieren ihre Kinder sie für ihre Bücher?

Nein, eher nicht. Inspirieren lasse ich mich eher von Erlebnissen außerhalb meiner Familie. Manchmal ist es auch nur ein Gegenstand oder – wie bei Holundermond – ein Gemälde, das mich inspiriert.

Lesen ihre Kinder auch gerne und viel?

Meine Kinder sind da ganz verschieden. Manche lesen gerne, andere nicht.

Eins machen wir aber immer: Wir lesen jeden Abend eine halbe bis eine Stunde den drei jüngeren Kindern (5,7 und9) aus Büchern vor.

Welche Art Bücher haben Sie selber gern als Teenager gelesen?

Eigentlich alles, was mir unter die Finger kam. Auch Erwachsenen-Bücher. Am liebsten Historisches. Bücher über die Antike habe ich verschlungen. Und Biografien über Musiker, Maler oder Schriftsteller in Roman-Form, das habe ich auch geliebt.

Gibt es reale Personen, die Sie zu Ihren Figuren inspirieren?

Manchmal ja. Manchmal nur rein optisch. Dann klebe ich mir ein Bild der realen Person in mein Notizbuch, um meine Figur immer vor Augen zu haben.

Zu Jan im Holundermond hat mich ein Schauspieler inspiriert. Da war es leicht, ihn mir immer wieder vorzustellen, weil ich genügend Bilder im Netz gefunden habe. Nein, ich werde euch den Schauspieler jetzt nicht nennen. Jeder soll sich ein eigenes Bild von meinen Figuren machen können und nicht an meinen Vorstellungen kleben.

An welchem Ort schreiben Sie?

Ganz banal. Am Küchentisch.

Wer darf als erstes Ihre Manuskripte testlesen? Werden denn Ihre Kinder dann zum Korrektur-Lesen der jeweils für sie  passenden Bücher herangezogen?

Ich habe keine Testleser. Ich schreibe so, dass es mir gefällt. Dann geht der Text entweder gleich an den Verlag, oder, wenn der Zeitplan es zulässt, vorab an meine Agentin. Meine Lektorin und meine Agentin sind also meine ersten Leser.

Bei Holundermond hatte ich die Unterstützung eines lieben Kollegen, der mir half, das Buch überhaupt fertig zu schreiben. Er setzte mir Zwischentermine, zu denen ich ihm die nächsten Kapitel schicken sollte. Das hat mir sehr geholfen damals. Testgelesen in dem Sinn hat er aber auch nicht. Er hat wohl den Text gelesen, aber überhaupt nicht inhaltlich eingegriffen. Es ging bei dieser Unterstützung rein um die Motivation, ein Buch mit mehr als 300 Seiten auch zu Ende zu schreiben.

Bestimmt werden Sie oft in Interviews das Gleiche gefragt. Welche Fragen können sie nicht mehr „lesen“ und welche Frage würden Sie gerne einmal beantworten?

So oft bin ich noch nicht interviewt worden, dass ich eine Frage nicht mehr lesen könnte. Trotzdem fällt mir auf, dass ich immer wieder gefragt werde, ob ich nicht mal Lust hätte, ein Buch für Erwachsene zu schreiben. Das impliziert für mich so ein bisschen die Unterstellung, nur Bücher für Erwachsene seien „richtige“ Bücher. Dabei ist es für mich eher umgekehrt. Ich finde es sehr viel anspruchsvoller und sehe es als eine besondere Herausforderung, richtig gute Bücher für Kinder zu schreiben.

Auch werde ich natürlich immer wieder gefragt, wie ich mit so vielen Kindern eigentlich zum Schreiben komme.

Ich überlege dann manchmal, ob man mich das auch fragen würde, wenn ich nicht die Mutter, sondern der Vater dieser Kinder wäre.

Eine Frage, die ich gerne mal beantworten würde?

Nun, wenn Barry Cunningham mich fragen würde, ob er mein Buch in England herausbringen darf, das wäre schon toll 🙂

Wie lange schreiben Sie an einem Buch?

Das kommt ein bisschen aufs Buch an. An einem Roman in der Größenordnung von Holundermond etwa drei bis vier Monate. Wobei ich für dieses Buch natürlich viel länger gebraucht habe, weil ich ja erstmal lernen musste, wie man überhaupt ein Buch schreibt. Aber heute kommt das so in etwa hin. Wobei ich sehr sehr gründlich plotte im Vorfeld. Das heißt, wenn ich anfange zu schreiben, dann gibt es in der Regel schon einen Plot mit einer Kapiteleinteilung und die Geschichte steht bereits, was schon im Vorfeld rund 30-50 Seiten umfasst.

Wie viele Bücher haben sie schon insgesamt geschrieben, wenn auch nicht veröffentlicht?

Unabhängig von den veröffentlichten Büchern habe ich bereits zwei weitere Bücher für den Duden Verlag geschrieben, ein Kinderbuch für Sauerländer, einen Roman für Coppenrath und eine weiteren Roman schreibe ich aktuell. Die o.g. Bücher erscheinen im Herbst 2011 und im Frühjahr 2012.

Nehmen Sie Ideen von ihren Kindern zu den Büchern/Geschichten mit auf?

Nein, nicht wirklich. Manchmal erzähle ich ihnen aber beim Abendessen davon und wenn ich mal hänge, dann frage ich sie um Rat. Zu meinem aktuellen Krimi, den ich gerade für Coppenrath schreibe, haben wir zum Beispiel viele Abende über das Mordmotiv (ja, es wird Tote geben) diskutiert. Das war spannend.

Hatten sie auch schon mal eine Schreibblockade?

Mein sehr geschätzter Kollege Kai Meyer hat einmal etwas gesagt, dass ich hier gerne zitiere: „Ich glaube nicht so recht an die klassische Schreibblockade. … oft ist das eine romantisierte Version von Faulheit“.

Und so sehe ich das auch. Sicher, es gibt Tage, da läuft es besser und es gibt Tage, da werde ich so von anderen Dingen abgelenkt (oder lasse mich ablenken), dass ich nicht richtig in den Text reinkomme.

Aber hier unterscheidet sich in meinen Augen auch ein wenig der Profi vom Hobbyautor. Ich habe das Schreiben zu meinem Beruf gemacht, also schreibe ich. Wenn es mir sehr schwer fällt, kreativ zu sein, dann überarbeite ich Texte, die bereits geschrieben sind oder feile an Plots, die auch noch geschrieben werden wollen.

Was manche Schreibblockade nennen, ist oft eher die Unlust sich durch zubeißen. Schreiben macht Spaß, aber es ist, wie jeder andere Job, auch oft knallharte Arbeit. Um auf die Frage zurückzukommen: Nein, ich hatte noch keine Schreibblockade, aber es gibt durchaus Tage, an denen ich keine Lust habe. Und dann in der Regel trotzdem schreibe.

Was dürfen wir als nächstes von Ihnen erwarten?

In wenigen Wochen erscheint ein Roman von mir unter dem Label Rebella bei Coppenrath.

„Bitte zweimal Wolke 7“ ist ein frecher Mädchenroman für Mädchen ab 12 zum Thema Liebe und vor allem zu der Frage: Kann man sein „erstes Mal“ tatsächlich planen?

Geht es mit den Wächtern der Zeit weiter?

In meiner Schublade liegt ein Plot und beim Verlag ein Exposé für einen zweiten Band. Ob dieser auch gemacht wird, ist jetzt Sache des Verlags.

Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben alle unsere Fragen zu beantworten.

Ich bedanke mich auch herzlich für die vielen Fragen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, sie alle zu beantworten!

©Tine Schweizer

Das signierte Exemplar von Holundermond hat Lennart K. gewonnen! Herzliche Glückwünsche!

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