Rezensionen 2018

Rezension – Lorenz Wagner – Der Junge der zuviel fühlte

Der Junge der zuviel fühlte

 

…was für ein Thema. Mit einem tiefem Atemzug hab ich dieses Buch beendet.

Dieses Jahr war ein aufregenedes Jahr für unsere Familie. Eine der Punkte war die Diagnose der Autismus-Spektrum-Störung bei meiner Tochter. Daher habe ich mehrere Bücher über Autismus angefangen. Das eine oder andere durchgelesen, mal auch abgebrochen. Bruchstückweise hab ich mir alles zusammen gesucht. Denn oft passte ihr verhalten so ganz und gar nicht zu dem geschriebenen. Es gibt dennoch gute Bücher und manche die ich nur noch als abschreckend bezeichnen würde.

In diesem Buch hab ich soviele Parallelen wie sonst in keinem anderen Buch entdeckt. Das gerne bei anderen sein, sie anlachen, umarmen. So lange das Kind klein ist, wirkt es „süß“, später nur noch „komisch“. Das Freunde verlieren, weil andere das Kind nicht verstehen können. Sich nur das negative merken, egal wie schön der Tag war und einiges mehr. Sovieles was Kai und meine Tochter gemeinsam haben und sovieles was sie unterscheidet. Natürlich gab es auch Dinge die ich nicht so sah, oder wo ich kritischer beurteilte (als Beobachter ist das urteilennatürlich immer leicht)

Der Autor Lorenz Wagner hat es geschafft diese Geschichte von Kai und dessen Vater Henry in Worte zu fassen. Er schreibt es verständlich, nichts beschönigt, aber auch nicht übertrieben gut oder schlecht. Die Rolle des Beobachters erfüllt er sehr gut und unvoreingenommen. Für eine Reportage der Süddeutschen Zeitung begleitete er sie eine Weile. Später sollte er sie für dieses Buch nochmal eine Zeit mit ihnen verbringen.

Es ist mehr als nur das Leben von Kai und  Henrys Forschungen, was hier verbunden wird. Die Familie, die Zweifel, die Hoffnungen, verschiedene Erfahrungen mit anderen Wissenschaftlern und auch mit verschiedenen Schularten. Sich gegen die bisherigen „Wahrheiten“ zu stellen. Es ist ein „Verstehen lernen“, warum Autisten so sind, wie sie sind. Und das sie deswegen nicht falsch sind. Auch das sie nicht dumm sind, wie oft behauptet wird, genauso wie nicht jeder Autist eine Inselbegabung hat.

„Kennst du einen Autist, dann kennst du genau EINEN Autisten“ dieser Satz sagt sovieles aus und bringt auch dieses Buch wieder weiter.

Es geht aber auch um wesentlich mehr. Neue Ansatzpunkte, die für die künftigen Generationen wichtg werden können. Die Erkenntnis, dass Autisten einfach viel mehr fühlen, als wir normalos. Dass die Entwicklung vermutlich beeinflußt werden kann. Hier gehts nicht um Heilung, aber um neue Ansätze in der Wissenschaft. Wir erleben mit, wie die Familie mit Kai umgeht, die Umwelt, aber auch wie die verschiedenen Wissenschaften mit den neuen Erkenntnissen des Kollegen Henry und die sich dazu gesellenten Wissenschaftler  im Laufen der Jahre. Jeder von einem anderen Standpunkt aus. Es geht um Kai, aber es geht auch um jedes anderes autistische Kind. Genauso wie es mir aufzeigt, dass selbst jemand mit hohen Ansehen als Forscher nicht direkt sieht, was wir hier lesen. Die ersten Anzeichen, die den Eltern vermutlich auch erst viel später aufgefallen sind. So im Rückblick ist es immer einfacher. Es ist tröstend zu wissen, dass es nichts mit dem eigenen Bildungsstand zu tun hat, ob wir es rechtzeitig beim Kind erkennen, ihm geeignet helfen können oder nicht.

Wir werden abwarten müssen, wie die Wissenschaft, Ärzte, Lehrer, Pädagogen und auch natürlich Eltern im Laufe der Jahre mit allem umgehen werden. Die ersten 6 Lebensjahre können anscheinend den Lauf des Autismus beeinflußen. Nur, dass heißt nicht, dass wir dann die Autisten wegsperren sollen, damit keine Reize kommen.  Aber vielleicht können wir es für Autisten einfacher machen und sie können in einer verständigeren Welt leben. Autismus muss nicht geheilt werden, aber wir können den Autisten es in unsere Welt leichter machen. Und wir können lernen sie zu verstehen.

Dieses Buch ist einfach nur gewaltig, intensiv, sehr ehrlich, regt zum nachdenken an und gleichzeitig auch tröstend. Durch die lebendige Sprache im Erzählerstil, ist es wunderbar zu lesen. Selbst die komplizierten wissenschaftlichen Vorgänge, welche beschrieben werden, sind leicht zu verstehen.

Ich kann es wirklich nur jedem empfehlen, sei  es dass er selbst einen Autisten in der Familie hat, sei es das er mit welchen arbeitet, egal ob als Pädagoge, als Jugendamtleiter, welcher über diverse Therapien entscheidet, oder einfach jemand, der sich für die Thematik interessiert.

Danke an die Familie, dass sie ihre Geschichte erzählen und danke an den Autor, dass er diese leicht verständlich und Lebensnah erzählt hat.

©Tine Schweizer

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ISBN: 9783958902299

Preis: 18,99 Euro

Erschienen im Europaverlag

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Dieses Ebook wurde mir vom Verlag über NETGALLEY.de zur Verfügung gestellt.  Dies beeinträchtigt jedoch nicht meine persönliche Meinung

Quelle: netgalley.de

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